Saitek Endgame ROM

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In dem von Saitek für die Geräte SciSys Stratos, SciSys Turbo King, Saitek Simultano, Saitek Corona sowie die Maestro-B und Analyst-Module angebotenen Speicherbaustein sind alle Endspiele König und Bauer gegen König sowie Könige mit einem blockierten Bauernpaar abgespeichert. Vergleichbar mit einer Eröffnungsbibliothek sind in dieser Datenbank rund 550000 Positionen hinterlegt, sodass der mit dem Endspiel ROM ausgerüstete Schachcomputer in der entsprechenden Stellung ohne rechnen zu müssen den besten Zug ausspielt.

Zum Dessert: Endspielwissen pur

Saitek's Endgame-ROM (Quelle: "Das österreichische Schachcomputer-Magazin MODUL" - Ausgabe 2/1988 von Thomas Mally)

In MODUL 1/88 habe ich im Rahmen eines Endspieltests für den MACH II darauf hingewiesen, dass es (von Zufallstreffern abgesehen) drei Arten gibt, auf die ein Computer ein Endspiel behandeln kann: reine Variantenrechnung, Endspieltechnik (d.h. Faustregeln vom Typ "Opposition einnehmen") und schließlich echtes Endspielwissen: der Computer besitzt, ähnlich der Eröffnungsbibliothek, einen Vorrat an Endspielpositionen samt deren Bewertung (Gewinn, Remis etc.) und dem Schlüsselzug in der jeweiligen Stellung. Wie sich herausstellte, arbeitet der MACH II haupt-sächlich mit rechnerischer Brachialgewalt, wobei ihm der Einsatz seiner Hash-Tables in gewissen Stellungen erlaubt, Endspielwissen hervorragend vorzutäuschen - er versagt aber dort, wo es gilt, aus dem praktischen Endspiel in einfachere Gewinn- bzw. Remisstellungen überzuleiten: dazu braucht man echtes Schachwissen.

Seit kurzem gibt es nun erstmals echtes Endspielwissen auch für Mikros: Saiteks Endgame-ROM enthält komplette Datenbanken für die Endspiele König und Bauer gegen König sowie Könige mit einem blockierten Bauernpaar. Das bedeutet, dass ein mit Endgame-ROM ausgestattetes Gerät diese beiden Endspieltypen optimal und ohne Zeitverlust behandelt: es wird theoretische Gewinnstellungen immer und auf schnellstem Wege gewinnen bzw. in nachteiligen Stellungen verlässlich Remis halten, sofern dies überhaupt möglich ist. Betrachten wir als Beispiel folgende Aufgabe aus Franz Mareschs großem Endspieltest (Diagr. 1): der mit Endgame-ROM ausgestattete Computer wird auf jeder, auch der niedrigsten Spielstufe' sofort die Gewinnfortsetzung spielen: 1.Kc2! Ke7 2.Kb3! Kd7 3.Kb4 etc. Hier zeigt sich einmal mehr, dass derart einfache Stellungen in Endspieltests zunehmend ihren Sinn verlieren, weil sie auf so vielfältige Art gelöst werden können, dass sie schon keine echten Rückschlüsse mehr auf die Endspielstärke eines Geräts erlauben.

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Das Endgame-ROM ist einzeln erhältlich und kostet nach Auskunft von Ossi Weiner in Deutschland rund 100 DM - der österreichische Vertreter von Saitek war leider (wieder einmal) nicht imstande, uns den hiesigen Preis zu nennen. Das EGR lässt sich sowohl in Stratos und Turbo King als auch in die Leonardo-Module B bzw. Analyst einbauen; im 8 MHz Analyst-Modul soll es laut Firmenmitteilung bereits eingebaut sein. Den Einbau kann jeder Anwender leicht selber vornehmen, sofern er die üblichen Vorsichtsmaßnahmen (statische Elektrizität!) einhält. (Wir haben das Endgame-ROM in einem Turbo-King getestet.)

Das EGR umfasst laut Firmenangaben rund 400.000 Positionen für das Endspiel KBK und etwa 150.000 für KBKB (b) - wobei (b) für "blockiert" steht. Die Angabe "effective positions" im englischen Text weist darauf hin, dass nicht alle dieser Stellungen auch tatsächlich abgespeichert sind: durch Spiegelung und Farbvertauschung lässt sich die Anzahl der gespeicherten Grundstellungen beträchtlich reduzieren. Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, wie es zu diesen Zahlen kommt: Es gibt 7x8=56 Möglichkeiten, einen weißen Bauern aufs Brett zu stellen (auf der 1.Reihe kann er ja nicht stehen); in jedem dieser Fälle bleiben 63 Felder für den weißen König, also gibt es insgesamt 56x63=3528 mögliche Stellungen mit weißem Bauern und König. Um einen schwarzen König hinzuzufügen, bleiben in jeder dieser Stellungen noch 62 Felder (3528x62=218.736), aber nicht alle dieser Möglichkeiten sind legal: so darf der schwarze König nicht unmittelbar neben dem weißen zu stehen kommen, was ihm je nach Stellung 3 bis 8 Felder unzugänglich macht. Man muss also grob geschätzt 10% von der obigen Endsumme abziehen und das Ergebnis dann verdoppeln, um auch die Stellungen mit schwarzem Mehrbauern zu erfassen - das ergibt dann die oben erwähnten etwa 400.000 Positionen. Warum es im Falle des Endspiels KBKB (b) wesentlich weniger sind, sollten Sie sich, falls es Sie interessiert, selber überlegen.

Was bedeutet der Einbau des Endgame-ROMs nun für die Spielstärke des Geräts? Ein Blick in die Firmenaussendungen von Saitek lässt vermuten: nicht allzu viel, denn das EGR wird hier in erster Linie als Endspiel-Trainingspartner angepriesen. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Datenbank bis zu 38 Halbzüge "tief" ist und genau anzeigt, wie viele Halbzüge das "Erfolgserlebnis" (d.h. für KBK: Umwandlung des Bauern, für KBKB (b): Eroberung des Bauern) noch entfernt ist. (Hier wirkt sich übrigens die haarsträubende Eigenschaft des Turbo King, nicht mehr als 10 Halbzüge im Display anzeigen zu können, besonders störend aus.) Das EGR sei in erster Linie für Menschen und zu deren Erbauung entworfen, wird betont, und ganz vorsichtig hinzugefügt: da nicht viele Partien von Computern gegen Computer dieses Endspiel-Stadium überhaupt erreichen, sei eine wesentliche Änderung in der schwedischen ELO-Liste nicht zu erwarten.

Ganz anderes weiß hingegen unser Leser Horst Nick aus Andernach über die Auswirkungen des EGR zu berichten: "Der Maestro B spielt dadurch eine Klasse besser. Sämtliche Endspielaufgaben aus MODUL 1/88 löst er ganz locker auf der Turnierstufe. In der Stellung von Herrn Wiesenecker (1/88 S.5) spielt er Dxc5 eben-falls auf der Turnierstufe." Ei der Potz! Leider sind die Angaben von Herrn Nick allzu global, um konkrete Schlüsse ziehen zu können, aber irgendetwas kann da nicht ganz stimmen: entweder sind die Behauptungen von Saitek von in dieser Branche einzig-artiger Bescheidenheit - oder Herr Nick ist von seiner eigenen Begeisterung zu leiser Übertreibung hingerissen worden...

Eines stimmt jedenfalls nicht: nämlich die Annahme, das EGR würde sich nur auf die von ihm erfassten Endspiele auswirken. Granz im Gegenteil: mit diesem gesicherten Endspielwissen Rücken vermag der Turbo-King Aufgaben zu lösen, in denen aus dem praktischen Endspiel in elementare Stellungen vereinfacht werden muss. Wie schon im Zusammenhang mit dem MACH II besprochen: es kommt nicht so sehr darauf an, ob ein Computer eine einfache Stellung erfolgreich zu Ende spielen kann (obwohl auch das natürlich wünschenswert ist), sondern vielmehr darauf, ob er sie, wenn sie als Teil einer Variante und am Rande seines Horizonts auftaucht, als gewonnen und daher erstrebenswert erkennen kann. Und genau das ist hier der Fall: bei jeder berechneten Position wird überprüft, ob sie im EGR gespeichert ist, und wenn ja, wird die dort abgelegte Stellungsbewertung in den Variantenbaum übernommen. Diese Eigenschaft befähigt den Turbo-King mit EGR z.B. dazu, mühelos eine Endspielstellung zu durchschauen, gegen die der vielgerühmte MACH II vergebens anrennt: In Diagr.2 (aus dem MACH II-Test MODUL 1/88) findet er auf Turnierstufe (und auch auf niedrigeren Stufen) die Lösung: 1…Kd1! 2.Ta8 Tc1! 3.Txa2 Tc2+ 4.Txc2 Kxc2, und sobald die Türme getauscht sind, übernimmt das EGR überhaupt die weitere Spielführung und antwortet auf alle Rettungsversuche des weißen Königs unverzüglich mit dem richtigen Gegenzug, z.B. 5.Kh3 Kd3 6.Kh4 Ke2 7.Kg4 Ke3.

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Diagramm 2


In diesem Fall hat Schwarz einen Bauern aufgegeben, um ein gewonnenes Endspiel zu erreichen, aber das EGR ist auch durchaus bereit, mehr Material zu investieren, und ist daher imstande, die nicht ganz einfachen Endspiele mit Qualitätsvorteil richtig zu behandeln: nämlich durch Rückgabe der Qualität genau im richtigen Augenblick! In der Stellung von Diagr.3 z.B. zögert Weiß keine Sekunde, mit 1.Txd4+! die Qualität zurückzugeben, um nach 1.- Lxd4 2.Kxd4 die Opposition einzunehmen und damit zu gewinnen. Ja, selbst die Dame ist dem EGR nicht zu schade, wenn es um ein gewonnenes Bauernendspiel geht: in Diagr.4 spielt es kaltblütig 1.Dxd6! ed 2.d5! und gewinnt auch dieses Endspiel mit den effektivsten Zügen.

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Diagramm 4



Wir sehen also, dass das Endgame-ROM mehr ist als nur ein "Schmankerl" für Feinspitze ohne praktische Bedeutung: es kann in schwierigen Stellungen den möglichen Übergang in elementare Positionen erspähen und anstreben, wodurch die Spielstärke des Geräts doch angehoben werden sollte. Allerdings: sobald mehr Bauern auf dem Brett sind, auch wenn sie eigentlich prinzipiellen Unterschied in der Gewinnführung ausmachen, benimmt sich der Turbo-King auch mit EGR genauso unbeholfen wie so viele seiner Chip-Genossen. Mit anderen Worten: in Stellungen, die nicht im Rahmen der normalen Suchtiefe in die beiden oben beschriebenen Endspiel-Typen übergehen, bleibt das Endgame-ROM ohne Auswirkung. Wenn über diesen Bereich hinaus Stellungen korrekt behandelt werden - wie z.B. Herr Nick für den Leonardo Maestro B behauptet -, bedeutet das, dass das Grundgerät diese Aufgaben auch ohne EGR lösen könnte. Trotzdem: einen Schachcomputer leichten Herzens Material für ein gewonnenes Endspiel hergeben und dieses dann perfekt abspulen zu sehen, ist schon ein ganz besonderes Erlebnis!

Nach den Hash-Tables von Fidelity ist dies also der zweite Fall innerhalb kürzester Zeit, dass den Mikro-Besitzern (wenn auch nur in rudimentärer Form) fortschrittliche Techniken zugänglich gemacht werden, wie sie zuvor nur auf Großcomputern implementiert waren. Allerdings - ein absolutes Novum ist das Endgame-ROM nicht! Altgediente Computer-Freaks werden sich vielleicht noch an das Capablanca-Endspiel-Modul erinnern, das seinerzeit für die Sargon 2.5-Morphy-Steinitz-Familie erhältlich war und das die Regeln der Bauern-Opposition derart gut beherrschte, dass die Firma Sandy Electronics mit folgender Stellung dafür werben konnte: Weiß Ke4, Te6, Bd5; Schwarz Kd7, Dh3 Be7. Schwarz spielt 1.- Dxe6!, nimmt die Opposition ein und gewinnt durch perfekte Abwicklung des Bauernendspiels. Es ist schon so, wie ein russisches Sprichwort sagt: Nichts ist so neu wie das Alte, das man gründlich vergessen hat!