Fidelity
Fidelity Electronics Inc., auch Fidelity International Inc., war ein US-amerikanisches Elektronikunternehmen mit Sitz zunächst in Chicago, Illinois, später in Miami, Florida. Das 1959 gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem Hersteller medizinischer Geräte zu einem der weltweit bedeutendsten Produzenten dedizierter Schachcomputer. In den 1970er- und 1980er-Jahren war Fidelity zeitweise Marktführer und dominierte die frühen Weltmeisterschaften im Mikrocomputerschach. 1989 wurde das Unternehmen von der deutschen Hegener + Glaser AG übernommen; 1992 wurde der Betrieb vollständig eingestellt.
Unternehmensgeschichte
Gründung und frühe Geschäftstätigkeit (1959–1968)
Fidelity Electronics wurde im Dezember 1959 in Chicago, Illinois, gegründet. Das Unternehmen begann seine Tätigkeit in einem kleinen Büro im zweiten Stock eines Geschäftsgebäudes. In den ersten Jahren konzentrierte sich Fidelity auf die Herstellung medizinischer Geräte sowie auf den Import und Vertrieb von Hörgeräten, unter anderem aus Österreich.
In den 1960er-Jahren etablierte sich Fidelity als bedeutender Anbieter von audiometrischen und hörtechnischen Geräten in den Vereinigten Staaten und baute ein landesweites Vertriebsnetz auf.
Übernahme durch Sidney und Myron Samole (1968–1975)
1968 wurde Sidney Samole Geschäftsführer des Unternehmens. Am 1. März 1970 übernahmen Sidney Samole und sein Bruder Myron Samole sämtliche Unternehmensanteile und wurden alleinige Eigentümer. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Fidelity etwa 35 Mitarbeiter und war weiterhin in Chicago ansässig.
Unter der Leitung der Samole-Brüder expandierte das Unternehmen deutlich. Die Produktionskapazitäten wurden erweitert, neue Fachkräfte eingestellt und zusätzliche Geschäftsfelder erschlossen. In dieser Phase trat Fidelity in den Bereich der biomedizinischen Elektronik ein, nachdem das Unternehmen einen Regierungsauftrag zur Entwicklung myoelektrischer Prothesen, insbesondere künstlicher Hände, erhalten hatte. Dieser Auftrag stellte einen technologischen Meilenstein dar und erweiterte die Kompetenz des Unternehmens im Bereich präziser elektronischer Steuerungssysteme.
Einstieg in den Markt für Schachcomputer
Entwicklung der ersten Schachcomputer (1976)
Im Jahr 1976 begann Fidelity Electronics mit der Entwicklung eines elektronischen Schachspiels. Auslöser hierfür war die Idee, das klassische Brettspiel Schach gegen einen Computer spielbar zu machen.
Im Zuge dieser Entwicklung wurde Ron Nelson, ein privater Entwickler von Schachsoftware, eingestellt. Nelson schrieb die Programme für die frühen Schachcomputer von Fidelity und war maßgeblich an deren technischer Umsetzung beteiligt. Noch im selben Jahr meldete Fidelity ein Patent für ein elektronisches Brettspiel an, bei dem ein Mensch gegen einen Computer Schach spielen konnte.
Chess Challenger und Markteinführung (1977–1978)
Im Januar 1977 präsentierte Fidelity auf der Winter Consumer Electronics Show den Fidelity Chess Challenger, den ersten kommerziell erhältlichen dedizierten Schachcomputer. Das Gerät wies noch zahlreiche technische Einschränkungen auf, darunter eine geringe Spielstärke, eine einfache Benutzeroberfläche und eine fehleranfällige Software.
Trotz dieser Schwächen stellte der Chess Challenger einen bedeutenden Markteintritt dar. Der kurz darauf erschienene Chess Challenger 3 wurde technisch verbessert und entwickelte sich zu einem internationalen Verkaufserfolg. Innerhalb kurzer Zeit verkaufte Fidelity mehrere hunderttausend Geräte und etablierte sich als führender Anbieter im neu entstehenden Markt für Schachcomputer.
Expansion und internationales Wachstum (1978–1984)
Unternehmensausbau und Umzug nach Miami
Der Erfolg der Chess-Challenger-Serie führte zu einem rasanten Unternehmenswachstum. Fidelity expandierte innerhalb weniger Jahre auf über 13 Gebäude und beschäftigte zunächst mehr als 250, später über 1.250 Mitarbeiter.
Aufgrund des steigenden Platzbedarfs verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz von Chicago nach Miami, Florida. 1978 begann dort der Bau eines 76.000 Quadratmeter großen Firmenkomplexes auf einem etwa 12 Hektar großen Grundstück. Der neue Hauptsitz nahm 1980 den vollständigen Betrieb auf.
Unternehmensstruktur und Tochtergesellschaften
Im Zuge der Expansion entstanden mehrere Tochtergesellschaften und Standorte:
- Fidelity Hearing Instruments, Inc. – Medizintechnik
- Fidelity International Sales Corporation – internationaler Vertrieb und Export
- Europäische Vertriebszentrale in Frankfurt am Main
- Fidelity Software Development Corporation (gegründet 1980 bei Nizza, Frankreich)
- Softwareentwicklungsstandort in San Diego, Kalifornien
- Produktpräsentationsbüro im Toy Building in New York
- Fidelity Plastics Manufacturing Company, Inc. (gegründet 1981), eigene Kunststofffertigung für Gehäuse und Zubehörteile
Technologische Spitzenphase und sportliche Erfolge
Verpflichtung von Dan und Kathe Spracklen
1979 verpflichtete Fidelity die Schachprogrammierer Dan und Kathe Spracklen, die zuvor für Chafitz Inc. tätig gewesen waren. Während Ron Nelson sich zunehmend auf Hardware, Produktion und technische Infrastruktur konzentrierte, verantworteten die Spracklens die Weiterentwicklung der Schachprogramme.
Weltmeisterschaften im Mikrocomputerschach (WMCCC)
Fidelity dominierte die frühen Weltmeisterschaften im Mikrocomputerschach:
| Turnier | Jahr | Ort | Weltmeister |
|---|---|---|---|
| 1. WMCCC | 1980 | London | Fidelity Chess Challenger X |
| 2. WMCCC | 1981 | Travemünde | Fidelity X (Offen), CC Mark V (Kommerziell) |
| 3. WMCCC | 1983 | Budapest | Fidelity Elite X (A/S Budapest) |
| 4. WMCCC | 1984 | Glasgow | Fidelity Elite X, Conchess X, Mephisto A, Psion Chess |
Nach diesen Erfolgen verlor Fidelity seine führende Stellung an die Mephisto-Reihe der Hegener + Glaser AG und deren Programmierer Richard Lang.
Marktveränderungen und wirtschaftlicher Niedergang (1985–1988)
Ab Mitte der 1980er-Jahre ging die Nachfrage nach dedizierten Schachcomputern zurück. Leistungsfähige Personal Computer und zunehmend ausgereifte Schachsoftware boten ein günstigeres Preis-Leistungs-Verhältnis.
Fidelity brachte weiterhin neue Modelle auf den Markt, konnte jedoch den wachsenden Wettbewerb nicht mehr dauerhaft ausgleichen.
Übernahme durch Hegener + Glaser (1989)
Am 14. September 1989 veröffentlichte die Hegener + Glaser AG aus München eine Pressemitteilung, in der die Übernahme von Fidelity Electronics bekanntgegeben wurde. In der Fachpresse wurde dieser Zusammenschluss als „Elefantenhochzeit im Bereich Schachcomputer“ bezeichnet.
Der Übernahme ging ein komplexes Verfahren voraus. Eine Anwaltskanzlei aus Miami informierte Gläubiger darüber, dass zum 1. September 1989 sämtliche Aktiva von Fidelity auf eine neu zu gründende Hegener + Glaser Inc.übertragen würden. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass bestehende Verbindlichkeiten nicht automatisch übernommen würden. Genannt wurden Außenstände in Höhe von 300.000 US-Dollar sowie ein Kaufpreis von 4,5 Millionen US-Dollar.
Sidney Samole widersprach dieser Darstellung öffentlich und erklärte, die Kanzlei habe nicht autorisiert gehandelt. Nach weiteren Verhandlungen einigte man sich schließlich auf einen Kaufpreis von rund 7 Millionen US-Dollar, was etwa dem Vierfachen des damaligen Jahresgewinns von Fidelity entsprach.
In den Vereinigten Staaten blieb Fidelity zunächst als eigenständige Tochtergesellschaft mit eigenem Management bestehen. Die offizielle Bekanntgabe der Übernahme erfolgte zeitgleich mit der Eröffnung der Schachcomputer-Weltmeisterschaft 1989 in Portorož, an der Fidelity nicht mehr teilnahm.
Vertrieb in Europa und Deutschland
Nach der Übernahme ging der Alleinvertrieb der Fidelity-Geräte in Deutschland an die Hobby Computer Centrale GmbH mit Sitz in München unter der Leitung von Ossi Weiner, die fortan unter der Bezeichnung „Fidelity Deutschland“ firmierte.
Einstellung des Unternehmens (1992)
Trotz der Übernahme blieben die Geschäftszahlen von Fidelity in Nordamerika negativ. 1992 entschied die Hegener + Glaser AG, den Betrieb von Fidelity Electronics vollständig einzustellen.
Als letzte von Fidelity produzierte Geräte gelten Modelle wie Chess Mate oder Avanti, die qualitativ nicht mehr an frühere Spitzenprodukte anknüpfen konnten.
Bedeutung und Nachwirkung
Fidelity Electronics gilt als eines der prägendsten Unternehmen der frühen Computerschachgeschichte. Das Unternehmen trug wesentlich zur Verbreitung dedizierter Schachcomputer bei, dominierte den Markt über ein Jahrzehnt und gewann die ersten vier Weltmeisterschaften im Mikrocomputerschach. Viele Modelle gelten heute als technikgeschichtliche Meilensteine und begehrte Sammlerstücke.
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